Wissenschaft

Wissenschaft am Therese Benedek Institut

Die Erforschung der Interaktionen zwischen Eltern und Kindern hat eine lange Tradition.  Unsere Arbeit mit Eltern am TBI basiert auf wissenschaftlichen Grundlagen und es ist zugleich unser Ziel zur wissenschaftlichen Entwicklung in diesem Feld beizutragen. Das TBI ist daher offen für interdisziplinäre wissenschaftliche Zusammenarbeit. Der Wissenschafts- und Fachbeirat des TBI besteht aus Expertinnen unterschiedlicher Disziplinen und berät das Institut in der Fundierung und Orientierung des Angebotes.

In diesem Sinne ist das Projekt Co-Parenting – miteinander. eltern. werden. in Zusammenarbeit mit der Universität Wien (Institut für Bildungswissenschaften) und der Medizinischen Universität Wien (Klinik für Psychoanalyse und Psychotherapie) und der Hilfe des Beirats entstanden. Dabei wird in Zusammenarbeit mit den Eltern die Entwicklung der Familie vor und nach der Geburt beobachtet und wissenschaftlich begleitet.

Darüber hinaus widmet sich das TBI dem Aufbau und der Pflege eines Therese Benedek Archivs.


Geschichtlicher Abriss der Eltern-Kind-Interaktionsforschung

Pioniere der Psychoanalyse und Individualpsychologe wie Sigmund Freud, Alfred Adler, Karl Abraham, Helene Deutsch, Rudolf Dreikurs, Judith Kestenberg, Selma Fraiberg, aber auch später Anna Freud, John Bowlby, u.a., haben Anfang und Mitte des 20. Jahrhunderts die ersten Fundamente für das Verständnis der Entwicklungsbedingungen der kindlichen Psyche gelegt. Zunächst unabhängig davon, entwickelte sich die soziale Systemtheorie (Talcott Parsons), welche die zwischenmenschlichen Wirkzusammenhänge in komplexeren Systemen zu erfassen suchte, deren Anwendung auf Familiendynamiken sich später in der strukturellen Familientherapie von Salvador Minuchin niederschlug. Mitte der 1950er und -60er Jahre, wurden psychoanalytische und systemtheoretische Überlegungen zunehmend als sich gegenseitig ergänzend gedacht. Komplexe Interaktionstheorien der Familiendynamik wurden verstärkt von psychoanalytischer Seite her durch Helm Stierlin, David Scharff oder Nathan Ackermann entwickelt und bilden die Grundlage für heute gängige Familientherapien.

Lange Zeit stand für die Psychoanalyse die Frage im Raum, wie die kindliche Entwicklung durch das Verhalten und die Haltung der Eltern beeinflusst wird. Therese Benedek war neben Erik Eriksson eine der ersten Psychoanalytikerinnen, die auch den umgekehrten Einfluss – jenen der Kinder auf Eltern – untersuchte. Dabei formulierte sie einen Wechselwirkungsprozess der verständlich aufzeigte, dass elterliche Rollenvorstellungen einerseits durch eigene Kindheitserfahrungen bestimmt werden, andererseits durch aktuelle Erfahrungen mit der Schwangerschaft, Geburt und dem Neugeborenen modifiziert werden. Eltern sein ist kein statischer Endzustand, sondern viel mehr ein Prozess im Sinne eines ständigen „Eltern Werdens“. Die wachsende Zuversicht in die eigenen Fähigkeiten als Eltern prägen die Identitätsentwicklung der Eltern und damit über Introjektions- und Identifikationsprozesse auch jene der Kinder.

Bildungsprogramme für Paare am Übergang zur Elternschaft

Die Wichtigkeit der Lebensphase der Elternwerdung wurde ab den 1960er Jahren von verschiedenen Forschergruppen erkannt. Zunehmend wurden entsprechende Elternbildungsprogramme entwickelt und in den USA in den 1990er Jahren intensiv wissenschaftlich untersucht. Die wohl bekanntesten Programme wurde von Carolyn und Philip Cowan an der University of California entwickelt (Becoming a Family Project; Schoolchildren and Their Families Project; Supporting Father Involvement Project) und stellen heute die wesentlichen Referenzmodelle für Elternbildungskurse. Im Anschluss daran in den 2000er Jahren haben sowohl Mark F. Feinberg von der Pennsylvania State University (Family Foundations) wie auch John M. Gotmann (Bringing Baby Home) zwei unabhängige Co-Parenting Programme entwickelt, deren positive Auswirkungen auf Eltern und Kinder durch umfangreiche Studien belegt wurden. Das am TBI angebotene Programm Co-Parenting – miteinander. eltern. werden. ist eine deutschsprachige Weiterentwicklung bestehender angloamerikanischer Ansätze und wurde speziell für unseren Kulturraum entwickelt.